Sie sind hier: 

    St. Wendel

    Nachlese: Besuch der Synagoge in Saarbrücken

    kfd-Dekanat St. Wendel Synagogenführung
    kfd-Dekanat St. Wendel Synagogenführung

    Das Jahresprojekt der kfd im Dekanat St. Wendel war eine „Reise durch die Bibel“. Besonders das Erste Testament bot viele spannende Eindrücke in die Entstehung und Geschichte des Judentums. Für uns Christen, die wir ja die Juden als unsere „älteren Geschwister im Glauben“ betrachten, ist das Verständnis der jüdischen Religion wichtig und sind die Thora und die Hl. Schriften der Propheten und die Psalmen unser gemeinsames Erbe.

    Um das alles augenscheinlich und hautnah zu erleben, bot die kfd im Dekanat eine Besichtigung der Synagoge in Saarbrücken an. Was sofort ins Auge fiel, war ein beeindruckendes Metallband auf dem Vorplatz, das bei näherem Hinsehen unzählige Namen, Orte und Daten enthielt. Hier sind die jüdischen Mitbürger verewigt, die während der NS-Zeit dem braunen Rassenwahn zum Opfer fielen. Allein die schiere Anzahl macht betroffen und beschämt. Es waren Menschen, die hier gelebt, gearbeitet und Familien gegründet hatten, denen unfassbares Unrecht angetan wurde und für die sich niemand einsetzte – auch nicht ihre deutschen Nachbarn, die sich doch sonst auf ihre christlichen Werte beriefen.

    Wie konnte es nur so weit kommen? Das war die Frage, die alle bewegte. Warum spricht man Menschen wegen ihrer Andersartigkeit ihrem Glauben, in ihrer Abstammung, in ihrer Lebensweise ihre gottgegebenen Rechte ab? Kann es da helfen, den Anderen kennenzulernen, um ihn besser zu verstehen, um ihn nicht mehr fürchten zu müssen?

    Ja, zum Kennenlernen waren wir gekommen und das konnten wir auch in ausgiebigem Maße tun. Der junge Kantor Benjamin Chait hatte ein dermaßen erfrischendes Talent, uns die Synagoge und die Grundzüge des jüdischen Glaubens zu erklären, dass die Zeit wie im Fluge verging. Vieles an dieser Religion schien uns vertraut, anderes befremdlich, aber Herr Chait war für alle Fragen offen und um keine Antwort verlegen. Dabei war seine humorvolle Art so mitreißend, dass er an diesem Morgen im Handumdrehen eine Menge neuer Fans gewonnen hatte. „Schade, dass die Zeit vorbei ist, man hätte ihm noch stundenlang zuhören können“, war die einhellige Meinung. Fest stand zumindest, dass es weit mehr Gemeinsames als Trennendes gibt. Dass Jesus ein Jude war, in eine jüdische Familie hineingeboren wurde, mit jüdischen Schriften und Traditionen aufwuchs und später die jüdischen Apostel mit seiner Botschaft in die ganze Welt sandte, ist etwas, das uns – neben den Heiligen Schriften Israels – für immer mit dem Judentum verbindet. Wenn die Nachkommen Abrahams also tatsächlich unsere „Älteren Geschwister im Glauben“ sind, so ist ganz gewiss ein geschwisterlicher Umgang miteinander angebracht. Auch in einer Familie ist man nicht immer in allem einer Meinung – aber Verachtung, Feindschaft und Hass dürfen niemals einen Platz erhalten.

    Wir alle wünschen unseren jüdischen Mitbürgern, dass sie ohne Angst leben können, dass sie ihre Kippa so selbstverständlich in der Öffentlichkeit tragen können, wie wir ein Kreuz und dass sie an ihren Feiertagen keine Polizeipräsenz mehr vor ihren Synagogen benötigen. Was wir jedenfalls dazu beitragen können, wollen wir gerne tun.

     

    Text: Rosemarie Schmidt
    Fotos: Privat