Für Montag, den 19. Januar konnten wir Herrn Prof. Dr. Kirchhoff, einen renommierten Neurowissenschaftler und Professor für Physiologie an der Medizinischen Fakultät des Saarlands als Mitbegründer des Centrums für geschlechtsspezifische Biologie und Medizin (CGBM) gewinnen, um uns einen kleinen Einblick in die komplexe Thematik der geschlechtersensiblen Medizin zu geben.
Die geschlechtersensible Medizin ist ein Thema, dessen Notwendigkeit mittlerweile nicht nur in medizinischen Fachkreisen erkannt wird, sondern auch von der Politik. So gab das Bundesministerium für Gesundheit in der vergangenen Woche, am 14. Januar 2026 den Startschuss für eine Forschungsförderung in Höhe von 10 Millionen Euro für Projekte, die das Thema Frauengesundheit in den Blick nehmen.
An diesem Abend wählten sich neben den Mitgliedern der AG Frauengesundheit, die diesen Abend organisiert haben, knapp 20 interessierte Frauen ein, um den Ausführungen von Prof. Kirchhoff zu folgen.
Die geschlechtersensible Medizin, so wie sie am CGBM erforscht wird, untersucht die Unterschiede, die aufgrund des biologischen Geschlechts Auswirkungen auf sämtliche Prozesse im Körper haben. Deutlich wurde an diesem Abend, dass sich unterschiedliche Erkrankungen in ihrer Häufigkeit und Intensität zwischen den Geschlechtern stark unterscheiden. So ist das Auftreten von Demenz und Depression besonders in hohem Alter bei Frauen deutlich stärker ausgeprägt als bei Männern. Frauen erkranken häufig schwerer, haben jedoch auch deutlich bessere Möglichkeiten der Regeneration. Eindrucksvoll unterschiedlich sind die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen, die Art der Verknüpfung der Neuronen, selbst der Aufbau und die Größe von Transmitter-Rezeptoren, die an der Gestaltung der Gehirnfunktionen beteiligt sind.
Während molekulare und zelluläre Gründe für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern teilweise aufgeklärt sind, bleiben noch viele Fragen offen. Hierbei zeigt die Forschung, dass sowohl hormonelle als auch genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen, die genauen Mechanismen aber oft komplex und von vielen anderen Faktoren abhängig sind. Umso wichtiger sind Forschungszentren wie das CGBM im Saarland und die Verzahnung von Forschung und angewandter Medizin, um die Erkenntnisse in innovative und effektive Präventions-, Diagnose und Therapieansätze einfließen zu lassen und so jedem Menschen – Frauen und Männern – entsprechend ihrer Bedürfnisse Therapien ermöglichen zu können.
Von diesem Ideal, einer ganzheitlichen Betrachtung, die das biologische Geschlecht neben anderen Faktoren in den gesamten medizinischen Prozess – von der Diagnose bis hin zur Therapie – einbezieht, sind wir, insbesondere in Deutschland, noch weit entfernt. Nicht nur in der Lehre fehlt es bislang an einem verpflichtenden Curriculum zur geschlechtersensiblen Medizin, auch entscheiden bislang jede Ärztin und jeder Arzt für sich, ob sie an einer Fortbildung zu diesem oder anderen Themen teilnehmen.
Deutlich wird an diesem Abend, dass auch die Künstliche Intelligenz positive Auswirkungen auf die Medizin haben kann und haben wird. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist eine verlässliche und aktuelle Datengrundlage. So können geschlechtersensible Ansätze nur dann verfolgt werden, wenn in der Datenbasis das Geschlecht als Unterscheidungsmerkmal herangezogen werden kann, das heißt, dass Daten sowohl von Männern als auch von Frauen vorliegen. Dass dies nicht immer der Fall war, belegt der sogenannte Gender-Data-Gap, der unter anderem auch dadurch entstanden ist, dass Frauen in klinischen Studien von Arzneimitteln ab den 1980er Jahren als Folge der Contergan-Erfahrungen keine Berücksichtigung fanden. Arzneimittel wurden ausschließlich an Männern getestet.
Mittlerweile ist die Notwendigkeit des Einbezugs des Geschlechts in Wissenschaft und Medizin erkannt und auch die Politik reagiert entsprechend mit der Bereitstellung von Fördermitteln. Für jede einzelne Frau im Umgang mit den behandelnden Ärzten bedeutet dies, dass es derzeit vor allem auf sie selbst ankommt, auf ihr kritisches Hinterfragen und Nachhaken, wenn es um eine leichtfertig erscheinende Diagnose geht, um die Verordnung und Dosierung einer Medikation oder den Hinweis, dass die hormonelle Situation auch Berücksichtigung finden sollte. Somit stehen wir am Anfang eines Weges, der zum Ziel hat, geschlechtersensibel auf die Bedürfnisse eines jeden Individuums zu reagieren.
Nach dem Ende seiner Ausführungen stand Herr Prof. Dr. Kirchhoff auch für die noch offenen Fragen zur Verfügung. Er machte deutlich, wie wichtig es sei, dass wir als Verband gemeinsam mit anderen auf die Politik einwirken, um die Ausbildung hin zu einer geschlechtersensiblen Medizin verbindlich zu machen und die notwendige Infrastruktur für die Forschung zu fördern bzw. bereitzustellen.
Wir danken allen Teilnehmerinnen für Ihr Interesse und Ihre Beteiligung. Seien Sie gespannt auf unsere weiteren Veranstaltungen rund um das Thema Frauengesundheit.
Text: Tanja Fritzen, Referentin für verbandliche Entwicklung
